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Buxtehude oder das Problem von Scherzen

Eine Kundin tritt an den Tresen. Sie wirkt nett, aufgeschlossen, locker, gut gelaunt. Ich freue mich, schließlich hat man von Zeit zu Zeit den dummen Gedanken, nie wieder auf solche Kunden zu treffen.

Auch meine Frage nach der gewünschten Veranstaltung kann sie präzise, verständlich und mit korrekter Aussprache des Veranstaltungstitels beantowrten. Eine beachtliche Leistung in dieser Kombination, meine Hochachtung!

Ich frage routiniert: "Das Konzert in M.?" Ich weiß schließlich, dass nicht alle Kunden zwingend ein Event in unserer schönen Stadt besuchen möchten.

Sie grinst mich an und antwortet mir in leicht flapsigem, wohlwollendem Ton: "Nein, in Buxtehude!"

Ich lache laut und amüsiert. Sehr laut und sehr amüsiert. Warum? Nun, zumindest die süddeutschen Leser unter Ihnen kennen den Scherz mit Buxtehude = nicht existenter Ort, der gerne als Antwort auf dumme Frage nach einer Lokalität gerne gemacht wird.

Ein Scherz.

Die Kundin sieht mich todernst an. "Das Konzert ist wirklich in Buxtehude", klärt sie mich trocken auf. Im Tonfall, den man für gewöhnlich gegenüber Dreijährigen anschlägt, nachsichtig.

Ich schlucke und beeile mich, die Karten zu buchen, während sich meine Wangen ungesund rot verfärben.

14.11.09 17:25


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Grundlagen und Voraussetzungen

Sehr geehrte Kundin, sehr geehrter Kunde,

 

Ich heiße Sie hiermit herzlich willkommen in der Welt des Ticketvorverkaufs.

Diese Ausflug wird Sie mit auf die Reise in die (Un-)Tiefen des Unternehmens U., seiner Mitarbeiter (kurz: VVK=Vorverkäufer) und seiner Kunden K. nehmen und bedenken Sie dabei bitte immer: Ich schildere nur den ganz gewöhnlichen Alltag einer Vorverkaufsstelle, wie sie es zu hunderten in unserem Land gibt.

Ich werde Sie durch diesen Blick hinter die Kulissen führen und gerne alle Ihre Fragen beantworten. Zögern Sie also bitte nicht, diese auch zu stellen, auch wenn Sie sicher wissen, dass ein wesentlicher Teil meiner fundierten und weitreichenden Ausbildung das Gedankenlesen bis zur höchsten Schwierigkeitsstufe reicht (diese wird allerdings nur bei Kunden benötigt, die vor dem Besuch unserer Vorverkaufsstelle starken Halluzinogenen - wie Alkohol, Drogen oder zu viel Haarspray - zugesprochen haben).

 Damit kommen wir nun auch schon zum ersten Basic, das Sie für das Grundverständnis benötigen werden: die Spezies der Kartenvorverkäufer. Sie unterteilt sich in verschiedene Gruppen und hat nur ein Ziel, dem Kunden - Ihnen! - die bestmöglichen Tickets für jedes nur erdenkliche Konzert zum günstigsten Preis zu verschaffen und Ihnen auch sonst jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Wir sind also die auf der anderen Seite (des Tresens).

Sie können sich bestimmt vorstellen, mit welchen vielfältigen Fähigkeiten ein Kartenvorverkäufer somit ausgestattet sein muss. Dennoch stelle ich Sie Ihnen hiermit einmal vor, sollte Ihnen ein Teil der Liste entfallen sein:

 

Grundvorraussetzungen eines Kartenvorverkäufers


Ich bin in der Lage, gleichzeitig Preise für drei verschiedene Personen auszurechnen,
Reservierungen in fünf verschiedenen Buchungssystemen zu machen und 15 eingehende
Telefongespräche anzunehmen.
Ich spreche alle Sprachen und habe alle Veranstaltungsstätten der Erde besucht.
Ich bin verantwortlich für das Ausfallen von Veranstaltungen, Verkehrsstaus, Preise und
Sitzanordnung, das Wetter und die Wirtschaftslage.
Ich habe magische Fähigkeiten und kann Plätze in ausverkauften Veranstaltungen reservieren und
weiß schon vor jeder Bekanntgabe, wo welcher Interpret auftreten wird.
Ich weiß auch, dass Sie, wenn Sie ein Ticket für Freitag gebucht haben, in Wirklichkeit am
Samstag in die Vorstellung gehen wollten.
Ich lächle, bin mitfühlend und ersetze meinen Kunden gerne den Psychiater.
Ich kann schauspielen, singen, tanzen und den Drucker reparieren.
Ich bin ein Kartenvorverkäufer! (Zitat)

 

Nun, da Sie einen ersten Eindruck von meiner Person erhalten haben, möchte ich Ihnen meinen Arbeitsplatz vorstellen. Unser Ticketschalter befindet sich im obersten Stockwerk (Musikabteilung) des überaus renomierten Kaufhauses L. Dieses ein Traditionshaus liegt im Herzen der Großstadt und seine Besucher meist mit ebenso großen Geldbörsen gesegnet - und oft auch dem dazugehörigen Benehmen und Auftreten.

 Ausgestattet mit ausreichend Wänden, einem Dach, einer im Winter zu gut funktionierenden Heizung, im Sommer selten funktionierenden Klimaanlage und permanenter Hintergrundbeschallung mit (Musik-)Klängen aus aller Welt wäre dies ein sehr schöner, trockener Arbeitsplatz. Zumindest, wenn der die Etage planende Architekt nicht eine Kleinigkeit übersehen hätte. Denn unser Tresen ist mit der Kasse der umliegenden Abteilung verbunden. Und leider können weder Schilder (unabhängig von deren Größe!) noch die ausliegenden Veranstaltungsflyer, noch die übergroßen Flatscreen-Bildschirme in der Wand hinter dem Tresen, noch die Rundumbeschriftung des Tresens etwas gegen die drei am Häufigsten gestellten (An-)Fragen unserer auch überaus geschätzten Nicht-Kunden ausrichten:

1, Wo finde ich die CD von..?

2,  Sind Sie die Kasse?

3, Wo ist das Klo?

Und da sich neuerdings auch noch das Kundenservice-Center in der Etage befindet kamen folgende Neuerungen auf uns zu:

- Ich würde gerne das hier einpacken lassen!

- Dachs freh?!? (Gemeint ist hier der 'tax free'-Service; meist von ausländischen Besuchern mit entsprechend akzentbelastetem Englisch vorgebracht)

 

Selbstverständlich macht es mir nichts aus, immer und immer und immer und IMMER wieder die gleichen Antworten zu wiederholen (geschätzte 500 Mal am Tag). Schließlich habe ich immer ein offenes Ohr auch für Kunden, die gar nicht meine Kunden sind und ich erwarte natürlich auch keineswegs ein Bitte und Danke, sondern begnüge mich mit einem Augenrollen, einem ruppigen Schnaufen und - sollten Sie einen sehr sehr schlimmen Tag gehabt haben - auch damit als Blitzableiter für aufgestaute Emotionen zu fungieren. Diese äußern sich ja natürlicherweise oft in lautem Schreien, einfallsreichen Beschimpfungen oder schlichtem Pöbeln, abhängig von Ihrer Altersklasse. Dies ist meine Aufgabe, schließlich sind Sie der Kunde!

Sie haben nun eine Grundvorstellung von mir und meiner Arbeitsumgebung, weswegen ich diese Einführung nun auch beenden möchte. Stürzen Sie sich also einfach ins Getümmel und genießen Sie die kleinen Episoden unseres Alltags. Sie werden es nicht bereuen!

Einen schönen Tag wünscht Ihnen

Ihre Kartenvorverkäuferin.

14.11.09 17:05


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